Venturinis Gelände

26.05.2018

Im Jahre 1820 veröffentlichte Herr Georg Venturini ein "Lehrbuch der angewandten Taktik oder eigentlichen Kriegswissenschaft. Mit Beyspielen auf wirklichem Terrain". Eins dieser Beyspiele hat zum Schauplatz die Höhen zwischen Meißen und dem Triebischtal und liest sich wie das Storyboard eines Computerspiels. Ein virtueller Krieg tobt in seinem Kopf und in den Köpfen seiner vermutlich völlig gebannten Schüler "Auf dem steilen Berge vor Lerchen" (Lercha) "und auf der vor Bockwen austretenden Erdzunge so wie auf der gegen die Triebsche gewandten Ecke der Spittewitzer Höhe" lässt er starke Batterien aufstellen "so wird es dem Feinde beinahe unmöglich sein, mit Gewalt über die Gründe der Triebsche vorzudringen." Damit nicht genug, organisiert er in seinem schaurigen Spiel auch die "grüne und trockene Fouragierung", das heisst das Abmähen der Wiesen und Felder sowie das Ausplündern der Dörfer, worüber Grimmelshausen im Siplicissimus schreibt:

"Stehlen und Rauben, welches man auf soldatisch fouragieren nennet."

Immerhin gibt es bei Venturini keine Anleitungen zum Brandschatzen und Vergewaltigen; soweit war die Kultur doch bis auf weiteres fortgeschritten. Er selbst starb 1802 und hat also nicht mehr miterlebt, wie sein Spiel beim Einmarsch der Truppen Napoleons traurige Wirklichkeit wurde.

Gibt man bei Google den Namen des Dorfes Spittewitz ein, so stößt man auf die entsprechenden Seiten des Buches. Heute liegt tiefer Frieden über dem "wirklichen Terrain". Um auf den steilen Berg vor Lercha zu gelangen, steigen wir in Meißen-Triebischtal aus, laufen die Wettinstraße ein Stück zurück und überqueren die Triebisch, um nach rechts in die Hirschbergstraße einzubiegen. Vor dem Sitz der Heilsarmee führ eine steile Treppe hinauf zu einer Kleingartenanlage, derern Tor zum Glück nicht verschlossen ist. Am Ende des Gartenweges treffen wir auf den Ausgang zum Feld hin, wenden uns nach rechts und wandern am Feld entlang die Dreilindenstraße zum Wendeplatz Lercha, wo die Einwohner das Straßenschild durch ein weiteres mit der Bezeichnung "Schützenkönigstraße" ergänzt haben. Fast in jedem Haus wohnt ein Schützenkönig, in einem außerdem zwei Schützenköniginnen. Das Tier auf dem Wegweiser hielt ich zunächt für einen Adler, es ist aber natürlich eine Lerche. "NAW" habe ich schon lange nicht mehr gehört - gegen Ender der DDR-Zeit hieße es VMI (Volkswirtschaftliche Masseninitiative).

Zum Dorf hinaus Richtung Wilsdruffer Straße gehen wir auf dem Bockwener Weg und drehen uns immer wieder um, die Sicht auf Meißen und das ganze Elbtal ist wunderschön. Die Kirschen sind hier schon reif, Ende Mai, so gut meint es die Sonne der sächsischen Toskana. Auf der anderen Seite der Wilsdruffer Straße ein schattiger alter Hohlweg, der Holunder blüht.

In Bockwen verblüffen städtische Wohnhäuser, dann aber doch noch eine richtige Dorfstraße. Der letzte Sturm hat ein altes Bauernhaus zerstört, die Dachbalken liegen bloß. Nur die sehr schönen Wirtschaftsgebäude blieben erhalten. Kunterbunt grüßt ein Lamahof, das Lama will aber nicht aufs Bild. Wieder geht es bergauf und jetzt sieht man schon den Funkturm auf dem Semmelsberg und links an der Straße die Pappeln von Spittewitz. Dort gibt es im Hofladen des stattlichen alten Bauernhauses, das vom Semmelsberg her so gut zu sehen war, Knackwürste vom Damhirsch und andere Spezialitäten.

Dass eine Haltestelle an der Straße nach Polenz den Namen "Einzelhaus" trägt, sei nur nebenbei erwähnt.

Kurz nach dem Ortseingang von Polenz biegt der Helmmühlenweg steil nach unten ab. Er bietet zuerst einen wunderschönen Blick über das Kleine Triebischtal und dann den lang ersehnten Schatten. Die Helmmühle öffnet freitags bis Sonntags um 11 Uhr, Essen gibt es jedoch erst um 12 Uhr. Das macht gar nichts, ich bin froh, einmal im Schatten zu sitzen.

Jetzt ist es nicht mehr weit bis zur Bushaltestelle, der Bus kommt erst in einer Stunde, also noch ein Spaziergang durch Garsebach. Im Wartestellenhäuschen kleben immer noch die Plakate der Identitären. Soll ich oder soll ich nicht? Plötzlich erscheint eine junge Frau im Sommerkleid und fragt sehr höflich: "Stört es Sie, wenn ich die Naziplakate abreiße?" Sie hat ein Becherchen dabei, schöpft Wasser aus dem Flüsschen und die Plakate werden ganz reinlich abgeweicht. Ende Gelände.