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Semmelsberg und Eselsweg

21.05.2018

Wieder ist es Mühlentag im Triebischtal. Der Bus bringt mich zur Buschmühle, doch der Weg über die Triebisch ist nun endgültig verbaut. Kein Schild weist darauf hin, dass man auch von der Fahrstraße nach Polenz aus auf den Wanderweg gelangen kann. Das erfahre ich erst später von Gartenfreunden an der Clausmühle. Also die Straße. Überall an Haltestellen und Werbeflächen hängen frisch geklebte Hetzpakate der identitären Plattform "Ein Prozent", was niemanden zu stören scheint. Wo die kleinen Schönheiten achtlos zerstört werden, keimt zuerst der Frust, dann der Hass. Wird deine Brücke abgerissen, gönnst du den Geflüchteten ihren Gemeinschaftsgarten nicht mehr. Der Holunder legt versöhnlerisch einen Blütenteller auf das Straßengeländer, wilder Wein greift ins Leere.

An der ehemaligen Clausmühle führt der Weg unter der toten Eisenbahnbrücke hindurch den Berg hinauf. Immer noch zeigt der Wegweiser zur Spionkuppe und zum Buschbad. Nur die Häuschenquelle wird nicht mehr erwähnt. Am Weg zum Semmelsberg gibt es noch genug Insekten. Hauptsächlich Mücken. So gelangt die DNA der Wanderer auf einem kleinen Umweg in die Mägen der Vögel, angemessenes Honorar für den Gesang.

Oben hört man wiederum die Grillen aus den rötlich blühenden Gräsern. Zwischen den Bäumen schauen die Türme des Meißner Doms hervor. Der direkte Weg nach Semmelsberg, voriges Jahr noch erkennbar, ist ganz verschwunden. Ich folge dem Feldweg immer weiter nach oben zu einem orangefarbenen Häuschen mit einer neu gezimmerten Eckbank. Nach Osten tut sich eine Landschaft auf, die tatsächlich an die Bilder von der Toskana erinnert. Die Pappeln auf dem Hügel und das einzelne hohe Haus gehören zu Spittewitz, erfahre ich von ein paar jungen Leuten, die einen Kinderwagen dabeihaben, ein Familienausflug zum Pfingstmontag.

Die phantastische Lage verleiht dem kleinen Friedhof den Flair einer antiken Grabstätte. Hier gibt es die unendliche Aufmerksamkeit für die Details, die andernorts so oft fehlt. Keine Hassplakate, nur freundliche Einladung zum Wiesenfest. Irgendwo unter dem Gras liegt mein Urgroßvater, der Tagelöhner und Besenbinder Lehmann.

Steil bergab geht die Hauptstraße von Polenz, Telefondrähte überspannen die Straße. Ganz unten das vertraute Häuschen in malerischem Verfall, die Besenbinderwerkstatt sieht noch sehr gut aus. An der "Plumpe" steht eine Bank und ein Wegweiser. Den Eselsgrund hinunter zur Helmmühle hätte ich sonst nicht gefunden - ein schmaler, schattiger Pfad am Bach hinunter. Im Tal ist das Festtreiben in vollem Gang, Radfahrer und Wanderer drängen sich auf dem breiten Weg, der auf den Gleisen der einstigen Rübenbahn im Tal der Kleinen Triebisch angelegt wurde.

Die Preiskermühle aus dem 16. Jahrhundert habe ich früher einmal besucht, als sie noch Gaststätte war. Jetzt ist sie nur zu besonderen Gelegenheiten geöffnet. Am Gondelteich werden Bratwürste verkauft, keine gewöhnlichen Bratwürste, sondern einmal Bratwürste vom Meißner Schwein in der Ökosemmel aus Taubenheim. Besagtes Schwein, muss man wissen, ist die Wiedergeburt einer Legende, die auf den Ausstellungen der Deutschen Landwirthschafts-Gesellschaft zu Magdeburg 1889, zu Strassburg (Elsass) 1890 und Bremen 1891 die höchsten und meisten Preise erhielt. Vegetarier begnügen sich mit einer Ökotofubratwurst.

Im Innenhof der Mühle gibt es Kaffee, Kuchen und sehr informative Tafeln zur Geschichte der Mühle, die von Familie Flade mit großem Einsatz restauriert wird. Dann geht es durch das Tal der Kleinen Triebisch  zurück zur Straße, wo der Meißner Bus sich mühsam durch die Autokolonnen quält.